Microsoft Copilot Flex Routing: deine Daten verlassen die EU per Default
Eine Frage hat mich kürzlich stutzig gemacht: „Sag mal — ist das normal, dass Copilot in den Settings was Neues hat?" Also habe ich den M365 Admin-Center geöffnet. War es nicht. Microsoft hatte still und leise einen Schalter umgelegt. Flex Routing. Default: an.

Praktisch heißt das: wer Copilot einsetzt, chattet mit dem Bot über Verträge, Kundendaten, Personalakten — und der Prompt wandert nicht mehr garantiert durch ein EU-Rechenzentrum. Sondern dorthin, wo Microsofts Routing-Algorithmus gerade Lust hat. Auch USA. Indien. Israel. Du denkst jetzt vielleicht: „Dafür gibt es doch das EU-US-DPF!" — doch die Sache hat einen Haken.
Was Flex Routing technisch macht
Bis April 2026 lief Copilot-Traffic für EU-Kunden mit hoher Wahrscheinlichkeit durch ein europäisches Microsoft-Rechenzentrum. Microsoft nannte das EU Data Boundary und hat sich öffentlich verpflichtet, EU-Kundendaten in der EU zu halten. Mit Flex Routing ist diese Garantie aufgeweicht — Microsoft begründet es mit Performance, doch der Default ist jetzt opt-out statt opt-in.
Microsoft hat hier die übliche Reihenfolge umgedreht: erst aktivieren, dann den Kunden informieren, später erklären, wie er es ausschalten kann.
Was hat sich konkret verändert? Prompts. Antworten. Kontextfenster — also auch die Dokumente, die Copilot zur Beantwortung mitliest (Bewerbungen, Verträge, Patientenakten). Embedding-Vektoren. Metadaten. All das kann nun jederzeit ein Microsoft-Rechenzentrum außerhalb der EU durchlaufen.
Das DSGVO-Problem ist nicht theoretisch
Art. 44 DSGVO ist unmissverständlich: jede Datenübermittlung in ein Drittland braucht eine konkrete Rechtsgrundlage. Für Microsoft-USA gibt es den EU-US Data Privacy Framework, der seit 2023 zwei EuGH-Klagen überstanden hat. Doch das DPF deckt nur USA — nicht Indien, nicht Israel, nicht Brasilien. Und Flex Routing definiert nicht, wohin geroutet wird, sondern dass irgendwohin geroutet werden darf.
Wenn ein Datentransfer-Pfad nicht im Voraus bestimmbar ist, kannst du auch keine passenden Standardvertragsklauseln zuweisen. Das ist eine juristische Falltür.
Konkrete Folge: dein Auftragsverarbeitungsvertrag mit Microsoft muss die neuen Drittland-Pfade abdecken. Tut er aktuell nichts spezifisch — Microsoft argumentiert hier mit pauschalen Bezugnahmen auf SCC + DPF. Die Datenschutzkonferenz wird das zeitnah prüfen, doch bis dahin sitzt du im Risiko fest.
Was an Bußgeldern droht: Art. 83 Abs. 5 DSGVO erlaubt bis zu 20 Mio. € oder 4 % des Jahresumsatzes. Für einen mittelständischen Online-Shop reden wir praktisch von 50.000–500.000 €.
Wie deutsche Aufsichtsbehörden reagieren dürften
Die Reaktion der Datenschutzbehörden auf neue US-Cloud-Dienste folgt seit Jahren einem klaren Muster: erst eine Pressemeldung mit „wir prüfen", dann ein DSK-Kurzpapier 3–6 Monate später, dann harte Bußgeld-Entscheidungen ab Monat 12. Bei Flex Routing erwarte ich genau diesen Loop.
Zwei Datenpunkte aus der jüngeren Geschichte:
Das BayLDA (Bayerisches Landesamt für Datenschutzaufsicht) hat 2022 in seinem Tätigkeitsbericht klargestellt, dass auch beim Einsatz von Microsoft 365 ein Transfer Impact Assessment (TIA) dokumentiert werden muss — selbst wenn der Standard-Vertrag pauschal auf SCCs verweist. Nach Inkrafttreten des EU-US-DPF 2023 hat die Behörde leise zurückgerudert, doch die TIA-Pflicht selbst blieb.
Der LfDI Baden-Württemberg war im selben Jahr besonders aktiv und hat formuliert: Verantwortliche müssen prüfen, wo ihre Daten tatsächlich verarbeitet werden, nicht nur, was der Vertrag formal zulässt. Flex Routing trifft genau diese Achse — der Vertrag erlaubt das Routing, doch der Verantwortliche kennt im Einzelfall nicht das tatsächliche Ziel.
Die Aufsichtsbehörden bestrafen nicht den Verarbeitungs-Vorgang als solchen, sondern die fehlende Dokumentation und das Nicht-Wissen. Wer den Schalter umgelegt und das dokumentiert hat, dem nehmen die Behörden den Wind aus den Segeln.
Für dich heißt das: auch wenn heute noch Ruhe herrscht, der Tag der ersten Bußgeld-Bescheide kommt — vermutlich Q3/Q4 2026. Du willst zu dem Zeitpunkt nicht der Erste sein, der erklärt, warum du Flex Routing auf „on" gelassen hast.
Die 5-Klick-Abschaltanleitung 😊
Du brauchst Global-Admin-Rechte. Plane hier circa 3 Minuten ein:
admin.microsoft.com aufrufen, oben rechts „Show all" einblenden.Danach routet Copilot nur noch durch EU-Data-Boundary-Regionen. Das kostet dich vielleicht 50–100 ms Latenz — ein kleiner Preis für saubere DSGVO-Compliance.
Der Toggle existiert, doch der Pfad dorthin ist absichtlich verschachtelt. Microsoft will dich nicht aktiv abhalten — eilig macht es dir aber auch nicht.
Wann ein Klick nicht reicht
Der Toggle deckt nur zukünftige Workloads. Was du zusätzlich brauchst:
DPA-Update. Falls dein Microsoft-DPA vor April 2026 unterzeichnet wurde, ist das alte Online Services Terms Dokument nicht mehr aktuell. Aktuelle Version unter aka.ms/dpa runterladen, „Sub-Processors"-Sektion prüfen, intern dokumentieren.
DSFA (Art. 35 DSGVO). Wenn Copilot bei dir Personalakten, Bewerbungen oder Gesundheitsdaten verarbeitet, brauchst du formal eine Datenschutz-Folgenabschätzung. Microsoft liefert dir keine — das ist deine Hausaufgabe als Verantwortlicher.
Mitarbeiter-Information (Art. 13 DSGVO). Wenn Copilot über deine Mitarbeiter läuft (Outlook-Analysen, Teams-Mitschriften), müssen sie vorher in der internen Datenschutzerklärung informiert worden sein — auch über mögliche Drittland-Transfers.
Compliance ist kein Toggle. Es ist ein Schalter plus Dokumentation plus Information plus Folgenabschätzung. Wer nur klickt, bleibt auf drei Vierteln des Risikos sitzen.
Was ich dir mitgeben möchte
Drei Sachen. Erstens: prüf den Toggle. Heute, nicht nächste Woche — drei Minuten, und solange er auf „on" steht, transferierst du potenziell jeden Tag Daten in Drittländer, ohne es zu wissen. Zweitens: dokumentier es. Screenshot, Datum, wer ihn umgelegt hat, in deine Datenschutz-Dokumentation. Drittens: Red mit deinen Mitarbeitern. „Hey Leute, wir nutzen Co-Pilot. Das hier macht Microsoft mit den Daten und das hier haben wir abgeschaltet." Transparenz ist hier keine Kür, sondern Pflicht.
Quellen
1. Microsoft Learn — Data residency for Microsoft 365 Copilot
2. EU-Kommission — EU-US Data Privacy Framework (2023/1795)
4. DSK Kurzpapier Nr. 19 — Drittstaatentransfers
5. Bayerischer Landesbeauftragter für den Datenschutz — Stellungnahme US-Cloud
Häufige Fragen
Wenn ich Copilot gar nicht aktiv nutze, muss ich den Toggle trotzdem prüfen?⌄
Ja. Die Einstellung ist tenant-weit und betrifft alle Microsoft-365-Lizenzen mit Copilot-Berechtigung — auch ungenutzte. Solange Lizenzen zugewiesen sind, kann ein Mitarbeiter ad hoc Copilot triggern. Toggle prüfen ist kein Aufwand und entzieht der Aufsicht das Argument „untätig zugelassen".
Was, wenn die Tenant-Verwaltung über einen externen IT-Dienstleister läuft?⌄
Du bleibst Verantwortlicher im Sinne der DSGVO. Schick dem Dienstleister einen schriftlichen Auftrag, den Toggle abzuschalten plus Bestätigung mit Screenshot. Diesen Schriftwechsel in die Datenschutz-Dokumentation. Wenn der Dienstleister hinhält, ist das ein DPA-Verstoß auf deren Seite — eine harte Eskalations-Karte für dich.
Kann ich Flex Routing pro Abteilung steuern?⌄
Aktuell nein. Der Toggle ist tenant-global. Microsoft hat granulare Steuerung in der Roadmap angekündigt, doch bis dahin gilt: alles oder nichts. Für ein DSGVO-konformes Setup heißt das in der Praxis: für alle ausschalten und ggf. zentral entscheiden, welche Workloads über andere Tools laufen.
Wie informiere ich konkret meine Mitarbeiter — Datenschutzerklärung-Update oder separate Mitteilung?⌄
Beides. Die interne Datenschutzerklärung gehört aktualisiert um den Abschnitt „Copilot — verarbeitete Daten, mögliche Drittland-Transfers, Toggle-Status". Zusätzlich eine kurze Info-Mail (oder Teams-Post) an alle Betroffenen mit Link zur aktualisierten Datenschutzerklärung. Empfehlung: Lesebestätigung einfordern, damit du Art. 13 DSGVO sauber nachweisen kannst.
Was ist der Unterschied zwischen Standardvertragsklauseln (SCC) und dem EU-US Data Privacy Framework?⌄
SCC sind ein vertragliches Konstrukt zwischen exportierendem und importierendem Unternehmen — sie gelten für jedes Drittland. Das DPF ist eine spezifische Angemessenheitsentscheidung der EU-Kommission, die nur für US-Unternehmen mit Selbstzertifizierung gilt. Microsoft nutzt beides parallel: DPF als primäre Rechtsgrundlage für USA, SCC als Backup und für andere Drittländer wie Indien oder Israel. Für Flex Routing problematisch: SCC verlangt ein klar definiertes Ziel-Land, das beim Routing-Algorithmus fehlt.
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